Wirecard veröffentlicht Abschlussbericht – wie geht es nun weiter und was bedeutet das für die Anleger?

Wirecard (WKN: 747206) veröffentlichte am 26.03.2019 den, dem Kursverlauf im Vorfeld nach zu entnehmenden, sehnsüchtig erwarteten Abschlussbericht der Kanzlei Rajah & Tann. Diese externe Untersuchung konnte, nach Unternehmensangaben, die im Raum stehenden Vorwürfe entkräften. In Folge legt die Aktie im Tagesverlauf bis zu 30 % zu. Einen Teil der Gewinne musste die Aktie seither wieder abgeben.


Was wurde vermeldet?

Untersucht wurden Transaktionen einzelner Wirecard-Tochtergesellschaften in Asien. Hierfür wurden der untersuchenden Kanzlei Rajah & Tann (R&T) unternehmensinterne Dokumente zur Verfügung gestellt. Dabei verlief auch die Überprüfung der Buchhaltung ereignislos.

Somit konnten keine Hinweise auf eine mögliche Korruption oder “round-tripping” gefunden werden. Unter “round-tripping” versteht man, frei übersetzt, das Frisieren von Bilanzen (durch künstliches kreieren von Umsätzen) auch zum Zwecke der Geldwäsche und aus steuerlichen Gründen, dabei jedoch ohne wirklichen Ergebnisbeitrag.

Dass die Prozesse und Vorgänge innerhalb Wirecards wohl sehr genau geprüft wurden lassen die restlichen veröffentlichten Informationen zumindest erahnen. So musste seitens des Bezahldienstleisters eine kleinere Korrektur (betreffend 2,5 Mio. Umsatz in 2017 durch abweichende Umsatzrealisierung des Lieferzeitraums) vorgenommen werden. Diese wurde jedoch durch positive Korrekturen aus dem gleichen Berichtszeitraum kompensiert. Die Änderungen sollen im Geschäftsbericht entsprechend berücksichtigt werden.


Die Restlichen, in der Zahl sechs Anmerkungen, der Kanzlei würde ich persönlich in der Richtung Non-Events verorten, da weder GuV noch Bilanz betroffen zu sein scheinen. Erwähnt werden muss zudem, dass nach Aussage Wirecards Ermittlungen gegen einzelne lokale Angestellte in Singapur weiter andauern (das Ergebnis steht hier noch aus).

Final schließt der Bericht mit der Feststellung dass sich “aus den Untersuchungen keine Erkenntnisse über eine strafrechtliche Verantwortung in Bezug auf die Konzernzentrale von Wirecard in München/Aschheim nach dem Recht von Singapur ergeben.”


Die Wirecard Aktie auf Sicht von einem Monat, deutlich sichtbar der Anstieg von knapp 100 € auf 130 € in kurzer Zeit
Quelle: wallstreet-online.de


Der nahe München ansässige Konzern gibt ferner bekannt seine Compliance Prozesse durch Investitionen weiter verbessern zu wollen und die Veröffentlichung des Geschäftsberichts für 2018 auf den 25. April 2019 zu verschieben (hier war ursprünglich der 04. April angedacht). Dabei sollen die neuen Erkenntnisse des R&T Berichts im Jahresabschluß berücksichtigt werden. Darüber hinaus wird die Prognose eines 2019er EBITDA zwischen 740 Mio. und 800 Mio. EUR bestätigt.



Anzahl AktienKurs (bei Erstellung des Artikels)
Marktkapitalisierung
Wirecard AG123.565.586 115,00€14,21 Mrd. €


Wie geht es nun weiter?

Zumindest interessant ist die Tatsache, dass im Rahmen der Veröffentlichung der Ergebnisse durch R&T, von keinem im Raum stehenden Vorwürfen auch nur ansatzweise die Rede ist. Hier drängt sich somit unweigerlich die Frage auf, wie diese Behauptungen entstehen konnten und welche Substanz jemals dahinter steckt(e).

Persönlich erachte ich, scheinbar konträr zum restlichen Markt, den kontinuierliche Newsflow rund um die Unternehmsentwicklung von Wirecard dabei als deutlich interessanter. So konnte erst vor wenigen Tagen die Zusammenarbeit mit MBILLS und Garmin Pay bekannt gegeben werden. Die Kooperation soll einer halben Million Kunden bei der Bezahlung mit sogenannten “Wearables” helfen. Zuvor wurden Kooperationen mit der Tallink Group und Besiktas JK bekannt.


Dadurch wächst das weitreichende Netzwerk, das sich Wirecard über die Jahre mit dem B2B2C-Ansatz aufgebaut hat, täglich weiter. Zu diesem Netzwerk zählen mittlerweile mehr als 40.000 große und mittlere Geschäfte sowie 225.000 kleine Händler.


Die Wirecard Aktie auf Sicht von 19 Jahren
Quelle: wallstreet-online.de


Ferner wurden jüngst auch Neuigkeiten zu technischen Weiterentwicklungen des Produktspektrums bekannt gegeben. Diese betreffen zum einen (Magento-) Erweiterungen mit denen die Bezahlsysteme von Wirecard einfacher in Online Shops integriert werde können. Magento gehört zu Adobe und ist das weltweit verbreitetste Shopsystem.

Auch im Bereich des In-App Payments konnte der im Dax und Tec-Dax notierte Konzern Neuerungen präsentieren. Neue Tools sollen die Bereitstellung von Bezahlmöglichkeiten per App erleichtern und den Zeit- und Arbeitsaufwand für die Einrichtung mobiler Apps für die Händler deutlich reduzieren.

Laut Studien soll dabei der weltweite Umsatz mit mobilen Apps nach 88 Mrd. Dollar in 2016 auf bereits 189 Mrd. Dollar im Jahr 2020 steigen. Wirecard selbst sieht den mobilen In-App-Zahlungsverkehr essentiell für das konzerneigene Wachstum an, da es deutliches Entwicklungspotential, mit derzeit nur 1-2% aller Transaktionen weltweit vollständig digital, gibt.


„Laut Wirecards eigenen Forschungsergebnissen würden es rund 40% der Verbraucher vorziehen, über ihre mobilen Geräte einzukaufen. Aus diesem Grund sind In-App-Zahlungen ein wesentlicher Bestandteil unserer Zukunftsvision. In Zukunft wird der größte Teil des Finanzalltags der Verbraucher digital sein – im öffentlichen Verkehr, zu Hause, im Urlaub, im Geschäft – und alle Prozesse werden auf mobilen Geräten abgewickelt werden.Sreelekha Sankar, EVP Payment and Risk bei Wirecard.

https://www.wirecard.de/newsroom/pressemeldungen/newsdetail/wirecard-erweitert-mobile-in-app-payment-sdks-und-beschleunigt-mobile-shopping-trend/



Meine persönliche Einschätzung

Wirecard treibt die Vision einer vollständig digitalen Financial-Commerce-Plattform weiter mit Hochdruck voran und scheint sich nicht von den Nebengeräuschen dabei nicht weiter beeindrucken zu lassen. Als nach eigenenen Angaben “weltweit führender Innovationstreiber digitaler Finanztechnologie” versucht man den Zahlungsverkehr der Zukunft früh zu erkennen und zu adressieren. Der Abschlussbericht von Rajah & Tann sollte dabei die teilweise entstandene Unsicherheit bei einigen Anlegern nehmen. Zudem wird die Veröffentlichung des Jahresberichts und eines möglichen Ausblicks am 25.04.2019 demnächst für weitere Klarheit sorgen.

Die Aktie erscheint aktuell sowohl historisch als auch auf Basis des prognostizierten Wachstums derzeit attraktiv bewertet. Im Zuge der Vision 2025 soll der Konzernumsatz auf über 10 Mrd. € steigen (2018 betrug dieser noch 2,1 Mrd.) was einer weiteren Verfünffachung in 7 Jahren gleich käme. Ebenso solle im Zuge dessen, das EBITDA 3,3 Mrd. € übersteigen. Für 2019 liegt die Guidance für das EBITDA bei einem Zielkorridor von 740 bis 800 Mio €. Sollten die 800 Mio. EBITDA erreicht werden, würde dies eine (fast) Verdoppelung (!) des EBITDAs von 2017 (412,6 Mio. €) auf 2019 bedeuten.

Analystenschätzungen sagen für 2019 im Mittel ein EBITDA von 776 Mio. € sowie ein Nettoergebnis von 504 Mio. € voraus. Bei 123,56 Mio. Aktien entspräche dies einem Ergebnis pro Aktie (EPS) von 4,11 € oder einem KGV von ca. 28 bei einem Kurs von 115 €. Bereits kommendes Jahr 2020 würde sich das KGV auf 20 reduzieren und im Folgejahr 2021 beträge es aufgrund des rasanten prognostizierten Wachstums nur noch schätzungsweise 15.

Dabei notierte Wirecard in der Vergangenheit, aufgrund des immer schon starken Wachstums, auf einem anderen Bewertungslevel. Das Jahr der Shortattacke (in 2016) ausgeklammert, beträgt das durchschnittliche KGV der letzten 5 Jahre in etwa 40.

In einem Best Case Szenario, könnte die Aktie von Wirecard also in 2020 bei einerseits, dem Erreichen der Analystenprognosen und andererseits, dem (Wieder-)Zugeständnis des Markts des historischen 40-er Multiples bei 222€ stehen. Sollten weiterhin Wachstumsraten bei Umsatz und EBITDA von annähernd 40 % erzielt werden, erschiene mir persönlich ein KGV zwischen 30-40 zwar ambitioniert aber dennoch fair.

Meine jüngst veröffentlichte umfangreiche Unternehmensanalyse zu Wirecard finden Sie hier.

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Quellen

https://en.wikipedia.org/wiki/Round-tripping_(finance)

https://smallbusiness.chron.com/meaning-round-tripping-accounting-65720.html

https://ir.wirecard.com/websites/wc/German/3150/finanznachrichten.html?newsID=1763493

https://www.wirecard.de/newsroom/pressemeldungen/newsdetail/wirecard-erweitert-mobile-in-app-payment-sdks-und-beschleunigt-mobile-shopping-trend/

https://www.wirecard.de/newsroom/pressemeldungen/newsdetail/wirecard-und-mbills-bieten-jetzt-voll-digitale-zahlungen-via-garmin-pay/

https://de.marketscreener.com/WIRECARD-454356/

https://www.wirecard.de/newsroom/pressemeldungen/newsdetail/mit-magento-erweiterungen-profitieren-haendler-von-wirecards-digitaler-plattform/

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